Das Versprechen der Freiheit – und was es wirklich kostet
Letzte Woche haben CDU/CSU und SPD die Eckpunkte eines neuen Gebäudemodernisierungsgesetzes vorgelegt. Das Heizungsgesetz wird abgeschafft. Die 65-Prozent-Regel für erneuerbare Energien entfällt. Gas- und Ölheizungen bleiben vollständig erlaubt.
Aber dann kommt das Aber. Und das ist ein großes.
Freiheit klingt gut – solange man die Rechnung nicht kennt
Das Eckpunktepapier klingt nach einem Neustart. Kein Zwang mehr, keine kleinteiligen Paragraphen, volle Technologieoffenheit. Die Eigentümer wissen am besten, was in ihren Heizungskeller passt. Das klingt nach dem, wofür ich stehe. Befähigung statt Bevormundung.
Aber wenn man genauer hinschaut, ist das GMG weniger Revolution als Rhetorik. Das alte GEG war ebenfalls technologieoffen – Biomethan-Beimischung war auch dort möglich, sogar mit einer Quote von 15 Prozent, die jetzt auf 10 Prozent abgesenkt wird. Was sich wirklich ändert, ist vor allem der politische Ton: Weg von Habeck, hin zu einer Erzählung von Freiheit und Eigenverantwortung. Das ist legitime Politik. Aber es ist keine Energiepolitik, die Hausbesitzer schützt.
Und doch ertappe ich mich dabei, dass ich das Papier ein zweites und drittes Mal lese und mich zunehmend unwohl fühle. Nicht wegen der Freiheit. Sondern wegen des Preises, den diese Freiheit für die Menschen, unseren Planeten und das Klima haben wird.
Der Kern des neuen Gesetzes ist die sogenannte Bio-Treppe: Wer ab 2029 eine Gas- oder Ölheizung betreibt, muss einen wachsenden Anteil klimafreundlicher Brennstoffe beimischen – zunächst zehn Prozent, steigend bis 2040. Das klingt moderat. Fast harmlos.
Bis man fragt, woher das Biomethan kommen soll.
Eine Geschichte, die wir schon kennen
Deutschland produziert heute über rund 240 Biomethan-Anlagen etwa 10 bis 12 Terawattstunden pro Jahr. Allein die erste Stufe der Bio-Treppe würde aber fast das Dreifache erfordern – nur für den Gebäudesektor, ohne Industrie, Schwerlastverkehr und Stromerzeugung, die ebenfalls auf grüne Gase angewiesen sind. Das nachhaltige Potenzial – also Biomethan aus Reststoffen wie Gülle, Stroh und Bioabfall, ohne Konkurrenz zur Nahrungsmittelproduktion – schätzen Fraunhofer und das Deutsche Biomasseforschungszentrum auf maximal 40 bis 60 Terawattstunden pro Jahr. Das klingt nach viel, bis man bedenkt, dass der gesamte Gasbedarf im Gebäudesektor bei rund 280 Terawattstunden liegt. Die Lücke lässt sich nicht durch heimische Produktion schließen. Was fehlt, muss importiert werden.
Das Eckpunktepapier verspricht Unabhängigkeit von Energieimporten. Das ist ein schöner Satz. Ob er der Realität standhält, bezweifle ich ernsthaft.
Und das erinnert mich an eine Geschichte, die die EU schon einmal erlebt hat. Als Mitte der 2000er Jahre Biodiesel-Beimischungsquoten eingeführt wurden, klang das Versprechen ähnlich: klimafreundlicher, unabhängiger von fossilen Importen, gut für die heimische Landwirtschaft. Was folgte, war Palmöl. Die EU-Palmölimporte für Biodiesel stiegen von rund einer Million Tonnen im Jahr 2006 auf fast vier Millionen Tonnen im Jahr 2018. Laut Untersuchungen der EU-Kommission waren Palmöl-Biokraftstoffe über den gesamten Lebenszyklus bis zu dreimal klimaschädlicher als fossiler Diesel – weil für die Plantagen Regenwald gerodet wurde und torfhaltige Böden in Brand gerieten. Die EU brauchte fünfzehn Jahre, um diesen Fehler teilweise zu korrigieren, und erntete dafür WTO-Klagen aus Indonesien und Malaysia.
Ich behaupte nicht, dass die Bio-Treppe denselben Weg gehen wird. Aber ich stelle die Frage, die das Eckpunktepapier nicht stellt: Was passiert, wenn die versprochenen heimischen Mengen nicht lieferbar sind? Woher kommt das Biomethan dann? Und wer zahlt den Preis – ökologisch wie finanziell?
Die eigentliche Kostenfalle
Es gibt noch eine andere Rechnung, die kaum jemand öffentlich aufmacht. Die Entscheidung für eine neue Gasheizung fühlt sich heute günstig an. Die Investition liegt bei 10.000 bis 15.000 Euro, der Handwerker kennt sich aus, alles bleibt vertraut.
Was sich nicht vertraut anfühlt, ist ein Zeitraum von zwanzig Jahren. Das ist die ungefähre Lebensdauer einer Heizung. Und in diesen zwanzig Jahren werden drei Dinge passieren, die heute bereits feststehen: Der CO₂-Preis steigt – ab 2027 übernimmt der europäische Emissionshandel (ETS2), dessen Preisentwicklung nach oben offen ist. Die Pflichtbeimischung von Biomethan verteuert den Brennstoff zusätzlich, denn Biomethan kostet heute das Zwei- bis Dreifache von fossilem Erdgas. Und wer heute eine Wärmepumpe kauft, bekommt bis zu 70 Prozent Förderung durch das BEG – für eine neue Gasheizung gibt es keinen Cent.
Wer das alles einrechnet, kommt zu einem unbequemen Ergebnis: Die Wärmepumpe wird über die Lebensdauer je nach Objekt 15.000 bis 30.000 Euro günstiger – nicht weil Gas heute teuer ist, sondern weil Gas systematisch teurer wird. Durch Entscheidungen, die längst getroffen sind.
Das ist kein Argument gegen das Recht, eine Gasheizung einzubauen. Das ist ein Argument dafür, diese Entscheidung mit offenen Augen zu treffen.
Was mich wirklich stört
Ich kann mit Zwang nicht viel anfangen. Das GEG in seiner alten Form hat Menschen überfordert, verängstigt, in Vorabkäufe getrieben – der gegenteilige Effekt von dem, was gute Politik leisten sollte. Und ja, die Vereinfachung ist richtig. Aber eine Quote von 10 Prozent statt 15 Prozent ist keine mutige Entscheidung für die Zukunft. Es ist eine politische Geste gegen einen Vorgänger.
Aber echte Freiheit setzt echte Information voraus. Und genau da klafft eine Lücke: Das Eckpunktepapier stärkt das Recht, selbst zu entscheiden. Es liefert aber nicht die Grundlage, diese Entscheidung informiert zu treffen. Es erzählt die Geschichte der Wahlfreiheit – ohne die Geschichte der Langzeitkosten.
In meiner Arbeit erlebe ich täglich, wie der Moment der Entscheidung von dem Bild geprägt wird, das jemand von seiner Zukunft hat. Nicht von Paragrafen. Nicht von Amortisationsrechnern. Sondern von der Frage: Was will ich in zehn Jahren nicht bereut haben?
Diese Frage stellt das neue Gesetz nicht. Das müssen wir tun.
Was jetzt zu tun ist
Wenn Sie in den nächsten Monaten vor einer Heizungsentscheidung stehen – ob Neukauf, Ausfall, Sanierung – dann ist der wichtigste Schritt nicht der Gang zum nächsten Installateur. Sondern das Durchrechnen beider Szenarien: nicht nur die Anschaffung, sondern die Gesamtkosten über zwanzig Jahre. Mit realistischen Annahmen zum CO₂-Preis. Mit der Bio-Treppe eingepreist. Mit und ohne Förderung.
Vielleicht kommt dabei heraus, dass die Wärmepumpe für Ihr Haus und Ihre Situation die bessere Wahl ist. Vielleicht auch nicht. Das hängt von vielem ab – von der Gebäudesubstanz, vom Nutzungsverhalten, vom verfügbaren Budget, von Ihrer persönlichen Risikobereitschaft.
Aber es sollte Ihre Entscheidung sein. Eine informierte.
Nicht eine, die später bereut wird – weil niemand die Rechnung aufgemacht hat.
Axel
Hier ist übrigens das Eckpunktepapier zum Nachlesen: cdu-csu-spd_eckpunkte-gebaeudemodernisierungsgesetz.pdf